Schreiben

Meine französische Familie

Ich erinnere mich noch genau an den Tag: Weihnachten war gerade vorüber und draußen waren die Felder morgens mit Rauhreif überzogen. Das alte Haus war schlecht zu heizen, bei den knorrigen Fenstern pfiff der Wind zwischen die Ritzen des Rahmens, man trug drei Socken übereinander, um nicht zu frieren. Nachts hatte ich alle Decken über mich gezogen, die verfügbar waren.
Ich war fünf oder sechs und ich schlief im gleichen Bett wie meine Grossmutter. Wenn ich zurückdenke, rieche den pudrigen Duft, den sie stets trug.

Die Küche war der wärmste Ort: Die Grosstante kochte oft auf dem Feuer, obwohl sie einen Elektroherd besass. Das Wohnzimmer nebenan war gleichzeitig das Esszimmer. Sie liess die Türe weit offen, damit die Wärme herüberzog.

Oma und ich hatten den Tisch feierlich gedeckt mit Servietten aus Leinen, einer Tischdecke aus Stoff und dem schönen Geschirr meiner Grosstante, das sie nur an Feiertagen aus dem Geschirrschrank nahm. Da waren Gäste, Familienangehörige, an die ich mich kaum erinnere. Die mich immer wieder berührten, mich küssten und mir befremdene Kosenamen gaben, die wir in der Schweiz nicht kannten. Auch die körperliche Nähe war für mich eher ungewohnt.Frankreich war anders, ganz anders. Das stellte ich schaudernd fest, als ich in die Küche ging, weil ich den vielen Menschen aus dem Weg gehen wollte, die alle im Wohnzimmer sassen.

Die Grosstante rührte in einer grossen Cocotte aus rotem Gusseisen. Es roch nach Knoblauch, alles war in Dampf gehüllt, so ungewohnt heiss war es. Sie sagte, ich solle mich nützlich machen oder, noch besser, ihr aus dem Weg gehen. Ich ignorierte sie und versuchte, den Blick in die Pfanne zu werfen. Zuerst schaffte ich es nicht, als ich auf die Zehenspitzen stand, ging es: In dem Bräter lagen Frauenbeine! Winzige Frauenbeine, die kaum grösser als meine Handfläche waren. Etwa drei Dutzend bleicher Beine bruzelten im Fett.
Meine Grosstante zog mich weg. Lass das. Geh, wir essen gleich. Ich wollte wissen, was da in der Pfanne brät. »*Froschschenkel!« Sagte sie.

Ich ging vor das Haus, lief dort eine Weile im Kreis. Das französische Dorf war klein, arm und still. Als ich später am Tisch sass mit den anderen, schöpften sie mir drei von diesen hässlichen Beinen auf den Teller. Ich schob ihn weg, was als sehr unhöflich galt. Besonders, da Besuch da war.

An diesem Tag ging ich früh ins Bett. Nicht weil ich es wollte: Ich wurde tadelnd dorthin geschickt.

In den letzten Tagen war ich wieder dort, in dem kleinen, französischen Dorf. Zumindest in der Nähe. Zusammen mit meinem Cousin, der meine Erinnerungen teilt, weil er noch öfter als ich mit Oma und Opa dort war. Wir suchten Spuren, Erinnerungen. Schliesslich landeten wir in Metz: Hier nahm alles seinen Ursprung. Oma, die Opa kennenlernte und die beide im Krieg in die Schweiz flüchteten.
Eine emotionale Reise zurück nach vorne: Wenn man verstehen will, wie das Muster eines Teppich gewebt wurde, muss man die Rückseite ansehen.

3

*In Metz werden noch immer Froschschenkel als Delikatesse in Restaurants angeboten.

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2 Gedanken zu “Meine französische Familie

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