Schreiben

Schwimm !

Es war einer dieser Sommer, die sich unvergesslich in das Hirn einbrennen, wie ein Tattoo. Ich war elf oder zwölf, genau weiss ich es nicht mehr. Nur noch, dass ich nicht vierzehn war: Vierzehn sein war wichtig. Noch besser war sechzehn.
Keiner wusste richtig, warum das so ist. Es war einfach so.
Vierzehn war cool. Das hatte mit Jungs zu tun, mit abends länger draussen bleiben dürfen. Mit Brüsten, die sichtbar wuchsen und mit Küssen. Ja, mit Küssen, die heimlich nach der Schule geteilt wurden und von denen man hinter vorgehaltener Hand erzählte.

Es war eben Sommer und da war dieses Floss, das im See vertäut war. (Wir verbrachten die Sommer am See und die Winter auf den Ski in den Bergen. Was anderes hatten wir nicht.)
Auf dem Floss tummelten sich die Jungs und eben die Mädchen, die über vierzehn waren. Die Grossen, die coolen. Wir anderen planschten im Wasser herum und sahen neidisch vom Ufer aus dem Treiben zu. Offenbar hatten sie etwa da draussen, was wir nicht hatten.
Ich war eine gute Schwimmerin, mochte es aber nicht, wenn ich die Tiefe unter mir nicht einschätzen konnte. Mag ich noch immer nicht. Ausserdem wuchs Seegras dort und es gab Gerüchte über Hechte, die so gross wie ein Mann sind. Sie bissen gelegentlich den Badenden in die Füsse, sagte man sich.

Jemand sagte: „Wer traut sich?“ „Was den?“ „Na, da zum Floss schwimmen.“ „Und dann?“ Fragte ich, sehr interessiert, da bin ich sicher.“Auf das Floss steigen, winken und wieder zurück schwimmen!“
Wir wussten, dass die Grossen auf dem Floss niemanden auf die schwimmende Insel steigen lassen. Dieser Versuch war zum Scheitern verurteilt. Definitv. Ich weiss auch nicht, welcher Teufel mich ritt, als ich sagte: „Ich machs.“

Dieser Moment der Stille. Die unbegrenzte Bewunderung in den Augen der Schulkollegen, die mich umgaben. Die Sonne schien, es war heiss und mir schien, alles sei möglich. wasser

Ich schwamm los. Als ich mich umdrehte, wurden die Freunde am Ufer kleiner, wie Riesen die zu Mäusen schrumpfen. Mit zunehmender Entfernung nahm das eklige Seegras ab, das meine Füsse kitzelte  und das Wasser wurde kühler. Ich schwamm zügig, redete mir ein, dass alles machbar ist, wenn man es will. (Sagte mein Opa immer. Er log nicht.)
Noch ein paar Meter trennten mich vom Floss. Ein Dutzend der Oberstufenschüler befanden sich darauf, ein paar waren aufmerksam geworden und aufgestanden, um mich zu beobachten. Ich, der Feind. Angriff auf ihr Refugium.

Noch drei Meter, mehr nicht, trennten mich von der Leiter, die ich hinauf klettern wollte, als etwas meine Fusssohle streifte:  Etwas unsäglich grosses schwamm in diesem Augenblick unter mir hindurch und strich (mit einer Flosse ?) an meinen Waden entlang. Ich fing an zu zappeln, ruderte mit den Armen und schluckte Wasser. Die Köpfe der grossen Jungs ragten als verschwommene Konturen über mir hervor. Sie lachten. Natürlich lachten sie. Glaube ich, ich weiss es nicht mehr so genau.

Jemand zog mich auf das Floss, sie schüttelten mich, weil ich um mich schlug. Und sagten, dass sie ein Paddelboot vom Ufer holen, das mich zurück bringt. Vom Ufer aus gesehen sah es vermutlich so aus, als wäre ich herzlich und voller Wärme auf dem Floss willkommen geheissen worden. Gleichzeitig wand ich meine ganzen Redekünste auf, um die anderen daran zu hindern, mich in ein Boot zu verfrachten.

Ich schwamm zurück. Für einen winzigen Moment war ich ein Held, als ich am Ufer ankam, ich hatte es geschafft. Ich war dort und ich war oben. Der Triumph dauerte so kurz, wie der erste vom Floss an Land war und erzählte, wie ich gerettet werden musste.

Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s