Schreiben

Der Rabe und ich

Ich höre den Ruf des Raben über mir. Er sitzt in einem Baum, unsichtbar für mich. Sein Ruf ist tief und laut.
Hinter mir ist der Napf, ich bin auf dem Weg zurück nach Luthern, vor mir das Tal und rings um uns herum ist es still. Gerade so, als wäre alles erstarrt. Stehen geblieben wie in einem Film, der eine Störung hat.
Ich spüre die Beine, sie schmerzen von der Wanderung. Das T-Shirt klebt an meinem Rücken, der Rucksack verhindert die Luftzirkulation.

Ich frage ihn: Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen?
Der Rabe antwortet.
Ich sage: Zeig dich. Komm schon. Ich habe nie einen Raben in freier Wildbahn gesehen. Bitte.
Der Rabe hört zu. Eine Weile schweigt er, ich denke, er hat aufgehört sich mit mir zu unterhalten, dann ruft er erneut.
Dann fliegt er los, direkt über mir, dreht einen Kreis am Himmel. Einen perfekten Ring, wie mit einem Zirkel gezogen. Scharfe, schwarze Linie am blauen Nachmittagshimmel. Ich kann die Luft hören, die durch die Schwingen zieht.

Er setzt sich auf den nächsten Baum. Fängt an zu rufen.

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich alles über Rabenvögel las, das mir zwischen die Finger kam. Die Mythologie der Raben, den Lebensraum, die Sozialisation und die Gefährdung der Rasse, weil er als als angeblicher Schädling der Jagd und der Landwirtschaft über Jahrhunderte rücksichtslos verfolgt wurde.
In dieser Zeit wünschte ich mir, dass ich einen Raben sehen könnte. Einer hätte mir genügt. Aber in der Schweiz sind sie grösstenteils ausgestorben.

Jetzt sitzt einer über mir. Erzählt irgendwas. Ich antworte. Er hört zu. Erwidert etwas.
So geht das Spiel eine Weile hin und her. Ich spüre meine Beine nicht mehr, der Schweiss am Rücken und der schwere Rucksack wurde unwichtig. Alles was zählt, ist der Moment.
»Wenn ich wüsste, was du mir sagen willst.«
In dem Augenblick fliegt er los: Er schlägt ein paar Mal mit den Flügeln, segelt  ins Tal und verschwindet im Wald.

Mir kommt der Gedanke, dass mein Opa vielleicht doch nicht Recht hatte, als er sagte: »Du erreichst alles im Leben, wenn du genug daran glaubst.« So ist es nicht. An etwas haften hilft kaum. An den Wunsch glauben schon. Aber mit offenen Händen: Loslassen. Fertig. Dann klappt es. So lange ich darauf fixiert war, einen Raben zu sehen, gelang es mir nicht.
Jetzt, nachdem ich nicht mehr daran gedacht habe, kommt die Begegnung zustande.
Nicht, weil ich krampfhaft forderte, sondern weil ich es geschehen lies.

raben

pic by Julie Miller

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2 Gedanken zu “Der Rabe und ich

    • Oh. Monsieur Voita…Danke herzlich für die netten Worte.
      Und das klitzekleine Ausrufezeichen am Ende des Satzes…Naja…So wie der dichte Milchschaum auf dem Cappuccino: Nicht zwingend nötig, aber einfach lecker 🙂

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