Schreiben

Landstreicher

Ich bin in einem Tal in der Schweiz aufgewachsen, das von Bergen umgeben ist: Wie die Zacken einer Krone. Unten sind die Menschen, ringsherum die Berge. Die ganz hohen, die beinahe 2000 Meter erreichen, tragen Mützen aus Schnee bis Ende Juni.
Diese Gegend gebar auch besondere Menschen mit einem Dialekt, über den zuweilen in anderen Kantonen gelächelt wird. Man erkennt sie, sobald sie reden. Als ich mit achtzehn das Tal verliess und in die Stadt zog, war dieser Dialekt das erste, was ich mir entledigte. Wie einen alten Mantel, zu schäbig geworden für die Urbanität.
(Tatsache war, dass ich das Lachen der Leute um mich herum nicht ertrug. Also legte ich diese Mundart weg und band mir eine gefälligere Sprache um.)

Auf meinem Weg zur Schule, begegnete ich öfters Beda. Er war damals schon alt, bärtig,  sauber gekleidet, wenn auch von einfacher Art, und trug meistens eine Staffelei unter dem Arm. Man kannte ihn, jeder wusste, wer er war. Man sagte, dass er in Scheunen schlief, selten sprach und davon lebte, dass er seine Bilder verkaufte.
Er beeindruckte mich in einer Welt der Konformität, in der ein rebellisches Herz oft keinen Platz fand. Beda war der erste Clochard, den ich kannte. (Wobei ich damals noch kein Wort für diese Lebensform hatte. Landstreicher sagte man. Beda strich auch herum und Leinwände an.)
Für mich war dieser Freigeist oft Quelle vieler Geschichten und Gedanken, die ich mir machte. Wo schläft er? Hat er Eltern? Ist er nicht zur Schule gegangen? Warum ist er so?

Die Antworten gab ich mir selber, indem ich um ihn herum Geschichten erfand. Alles war möglich, weil meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt wurde. Schon gar nicht von Beda selbst, da wir Kinder ihm ein bisschen aus dem Weg gingen: Er blieb fremd, in seiner selbstbestimmten Lebensart. Dafür gewann er dadurch für mich an Mystik und einer gewissen Faszination.

Irgendwann war er weg, aus dem Dorfbild verschwunden. Oder meine Augen, inzwischen pubertär und eher daran interessiert, wie ich dieses winzige Tal gegen die grosse Welt tauschen kann, blind für ihn.
Vergessen habe ich ihn nie.
Und jetzt, da ich ein neues Buchprojekt begonnen habe, darf er darin eine Rolle spielen. Eine kleine zwar, aber dennoch eine, die prägend ist und den Charakter des Tales besser beschreibt, als manches andere.

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