Schreiben

Dankeschön

Samstagabend in Zürich. Die Vorstellung ist zu Ende, die Leute strömen geballt dem Ausgang zu. Die Raucher wolle endlich an die frische Luft, die anderen nichts wie in die nächste Bar oder heim.
Ihre Mäntel und Jacken haben sie an der Garderobe abgegeben. Das macht man so.
Es ist kurz vor Weihnachten: Kitschige Lüster verbreiten eine milde Atmosphäre, weisse Kerzen auf goldenen Tellern. Viel roter Samt, noch mehr roter Teppich. Letzteres schluckt die Geräusche der Highheels: Kein typisches Klickklack, eher ein gedämpftes wooof. Wie samtene Pfoten auf nassem Gras.

Ein Tumult am Tresen, wo die Jacken  wieder heraus gegeben werden: Man hält die Nummer, geprägt auf einer silbernen Scheibe, einem Garderobiere hin und erhält den Mantel wieder zurück. Es wird gedrängelt, gestossen.
Die ganz eiligen quetschen sich seitwärts an den Wartenden vorbei, ernten böse Blicke. Andere stehen ruhig da, warten, bis sie an der Reihe sind. Diese werden immer wieder überholt, links und rechts und auf beiden Seiten gleichzeitig. Während die jungen Männer, das sind die Garderobieren nämlich, in raschem Tempo hin und her huschen, Jacken heraus geben, sich den Schweiss abwischen. Den Blick zur nächsten Nummer, rasch zum entsprechenden Bügel…Schnell muss es gehen.

Als ich an die Reihe komme, dauert es fünf Sekunden bis er mir das aushändigt, was mir zusteht. Bevor er sich jemand anderem zuwendet, lächle ich ihn an und sage hörbar: „Dankeschön.“

Ich glaube daran, dass die Welt eine bessere wäre, wenn wir öfters Danke sagen und das wertschätzen, was die Menschen tun. Egal was sie tun. Weil alles eine besondere Bedeutung hat, weil alles zusammenhängt.

Er erstarrt einen Augenblick, hebt den Kopf und schaut mir direkt in die Augen, lächelt zurück. „Bitte. Gerne“, erwidert er mit einem französischen Akzent. Für eine kurze Weile existiert nichts weiter, als dieses Einverständnis zwischen zwei Menschen, die sich nie mehr wieder sehen. Und das geteilte Lächeln.

 

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11 Gedanken zu “Dankeschön

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Dein Lächeln kommt immer als Echo wieder zu dir zurück! Die Menschen können damit die Welt so viel schöner machen!
    Danke dir für deine schönen Geschichten. Sie wärmen das Herz.
    liebe Grüße vom Bodensee
    Ellen

  2. Pingback: Dankeschön | travelgirl95

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