Das Buchprojekt

Es ist die Geschichte von Julie, die nach Jahren im Ausland, zurück in das Dorf ihrer Kindheit kommt. Sie übernimmt  die kleine Buchhandlung und führt ein beschauliches, einfaches Leben. Bis die Meldung von Tod der freundlichen Tata Charlotte die Runde macht: Nichts ist mehr wie vorher. Auf der Suche nach dem Täter bröckelt die scheinheilige Idylle zusehends.
Für Julie noch mehr, da sie erkennt, wer der Kommissar ist, der aus der nahen Stadt kommt und  für den Fall zuständig ist. 

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Julie hob die dicke Katze hoch und stellte sie auf den Boden. Sie öffnete das Fenster, legte ihre Hände auf das Fensterbrett  und hob ihr Gesicht der Sonne entgegen.
So sah sie der Tonton, der Postbote, als der mit seinem Rad um die Ecke fuhr: eine dunkelhaarige Frau Mitte dreissig, deren Brüste zu sehen waren und die ihr Gesicht lächelnd gegen den Himmel reckte. Er bedauerte, dass ihr Fenster nur bis knapp oberhalb des Bauchnabels reichte und noch mehr bedauerte er, dass Julie ihn entdeckte hatte. Sie drehte sich um und verschwand im Inneren ihres Hauses. Er stieg von seinem Rad, erinnerte sich dabei an Julies Mutter, die in dem Haus gewohnt hatte, bis sie nach Grenoble zog. Ihre Tochter Julie war vor vier Jahren zurückgekommen, nachdem sie jahrelang keinen Fuß mehr in das Dorf gesetzt hatte. Weiss der Teufel warum! Julie sprach nicht darüber, mit niemandem und wich den Fragen hierzu geschickt aus. Sie habe in der Schweiz studiert, hatte einen gut bezahlten Job. So eine wie sie habe es nicht nötig, hier in Saint-Loup zu versauern. Sagte man. Diese Meinung teilte er: Heiraten soll sie, Kinder haben oder an ihrer Karriere basteln. Hier in dem Dorf blieb ihr nur eine wie Tata Charlotte zu werden: Eine verbitterte Jungfrau, die allerorts ihre wunderfitzige Nase hinein steckte und immer das letzte Wort hatte. Er stellte sein Rad an den Gartenzaun, der einen Anstrich gebrauchen könnte. Ein Mann im Haus fehlte, da waren sich alle einig. Einer, der das Haus auf Vordermann brachte, der Ordnung in ihr Leben brachte. Ihr Vater war tot, der hätte alles repariert. Er schüttelte den Kopf als er sah, dass ihr Namensschild, ein mit Kleber hingepappter Notizzettel mit ihrem Namen, abgefallen war und am Boden lag. Bereits ein halbes Dutzend Mal hatte er Julie gesagt, dass sie sich bei Claude im Dorf ein schönes Schild machen lassen konnte für ein paar Euro. Statt des Papierstreifens. Sie hatte abgewinkt, mit ihrem Lächeln, das ihn jedes Mal wieder an ihre schöne Mutter erinnerte. Ja, er hatte sie geliebt. Mehr als einmal hatte er seinen Mut zusammengenommen und sie auf dem Weg ins Dorf oder zur Kirche abgepasst, um ihr hastig und stotternd seine Liebe zu gestehen. Natürlich hatte sie gelächelt, als er vor ihr stand, die Hände in den Hosentaschen. Die Haare streng nach hinten gekämmt, wie es damals Mode war. Die ganze Nacht hatte er kaum geschlafen, weil er seine Worte immer wieder prüfte. Nichts schien richtig genug, aber es musste gesagt werden. Also stellte er sich hin und stotterte.
»Ich … ich … wowowowo … ltte dir nur sasa … sagen … dass du wuwunderschön bist … ichich … llllliiebe dich.«
Ihr Lächeln hätte überheblich sein können. Arrogant oder herablassend. Das tat es nicht. Sie lächelte, als hätte sie ein nettes Geschenk bekommen. Pralinen oder Blumen. Claudine bedankte sich höflich, nahm es als ein Kompliment und ging ihres Weges. Nicht ohne ihm vorher einen schönen Tag zu wünschen. Er schrieb ihr Briefe. Schwülstige Worte, die er aus alten Büchern kopierte, gemischt mit sehnsüchtigen Versprechen. Sie antwortete nie. Was ihn noch mehr anstachelte. Da er die Liebe zu ihr geheimhalten wollte, schickte er die Briefe nicht mit der Post, sondern steckte sie abends in den Briefkasten. Jener Briefkasten, in den er jetzt einen kleinen Stapel Werbeprospekte schob.
Sie heiratete Antoine. Das kam für alle überraschend. Antoine war weder besonders schön, noch reich. Er war in nichts herausragend. Ein stiller Mann, der unscheinbar durch die Schulzeit gegangen war.
»Antoine ? Bist du nicht mit ihm zur Schule gegangen?«
»Nein, ich glaube nicht.«
»Doch. Ganz bestimmt. Er trug doch im Winter immer diese grüne Mütze, so ein hässliches Ding.«
»Ach? Das war Antoine?«
Ausgerechnet Antoine bekam die schöne Claudine. Wie er das erreicht hatte, war ihm ein Rätsel. Er arbeitete hart, war ein guter Vater und ein besonders guter Belotspieler. Er gewann meistens. Ihre Wahl schien eine gute gewesen zu sein, obwohl er dies bedauerte und zeitlebens warme Gefühle für sie hegte, tat er dies nur noch heimlich. Er stotterte nicht mehr. Ausnahmsweise dann, wenn er Claudine ein Paket abliefern musste, kam es vor, dass er an bestimmten Wörtern hängenblieb. Oder sich bei ihrem Anblick so verlor, dass er ihr wortlos das Paket übergab und winkend auf sein Fahrrad stieg und davonfuhr. Damals war der Briefkasten noch ordentlich beschriftet, der Zaun in tadellosem Zustand, der Garten gepflegt und das Haus sorgsam in Schuss gehalten. Jetzt blätterte der Verputz, die Fenster hatten die Doppelverglasung von früher, sie hätten längst modernisiert werden müssen. Neben der Türe stand ein Korb mit leeren Flaschen, den Julie vergessen hatte. Der Postbote schüttelte den Kopf. Es war halt nicht mehr so wie früher.

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Hier der Link zum Crowfunding :

http://www.100-days.net/de/projekt/die-tote-von-saint-loup

10 Gedanken zu “Das Buchprojekt

  1. Pingback: Saint-Loup | Madame Lila

  2. Ich bin irgendwie zu doof für 100days. Startnext ist einfacher. Wie kann ich einfach 20.– spenden? Was heisst boosten? Ich will doch einfach nur spenden, das Buch bekommen und gut. Aber irgendwie ist da nirgends ein Knopf dafür.
    Kannst du mir den Link schicken, wo ich damit weiterkomme?
    Danke!

  3. Bonjour Madame Lila, ich habe dir auch etwas gespendet. Leider nur CHF 20.–, da ich auch etwas knapp bei Kasse bin, aber ich drück dir ganz fest die Daumen, dass du noch einen richtig reichen Spender findest!!

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