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Lebenszeichen

aebfd82a57966f9319a6dc1ca80e9efcIch bin umgezogen und finde mich am neuen Ort langsam zurecht. Der Umzug kam zu einem guten Zeitpunkt und macht glücklich: Von einem sehr kleinen Landdorf zog ich in die nächst grössere Kleinstadt. Der Hund hat weiterhin einen Garten, in dem er sich austoben kann und ich lebe plötzlich so zentral, dass ich mit der S-Bahn rasch überall sein kann. (Bisher kam ich ohne das alte Auto nicht zur Arbeit, nicht ohne einen komplizierten Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen, der mich gezwungen hätte, das Haus morgens um halb fünf zu verlassen.)
Wenn ich an meinem Schreibplatz sitze, sehe ich ich Wohnhäuser um mich herum. Noch immer ländlich, mit spitzigen Ziegeldächern und Bäumen. Ich sehe den Bahnhof, ein Endbahnhof: Hier fährt keine Bahn durch, sie hält und dreht wieder. Menschen stehen neben dem Bahnhofshäuschen, reiben sich müde die Augen, trinken RedBull aus Büchsen und wünschen sich zurück ins Bett. Das leise Blingbling des Bahnübergangs hat sich in meine Gewohnheit eingeschlichen.

Auf meiner letzten Runde abends mit dem Wolf, schleichen wird durch Quartiere. Leise und neugierig. Schlendern dem Bach entlang, entdecken vergessene Gärten, alte Villen. Wir blicken in erleuchtete Fenster, erschrecken durch Katzen, die unerwartet den Weg kreuzen, wir überqueren den Bach auf Brücken, die ausschliesslich für Fussgänger gemacht sind.
Wenn wir aber den Weg vom Haus nach rechts gehen, stehen Wolf und ich vor türkischen Kebab, einem Pizzalieferservice, vor Restaurants und Bars. Vor dem Coop, dem Migros und einem Friseur, der mich mit einer Werbung im Schaufenster darauf aufmerksam macht, dass ich schöner sein könnte. Ich müsste nur eine andere Frisur haben. (Mir egal. Ich trage die Haare zusammengebunden unter meine Mütze gewurschtelt.)

Woran ich mich bisher nicht gewöhnt habe ist die Tatsache, dass ich morgens nicht mit meinem Pijama in den Garten kann, zusammen mit einer grossen Tasse Kaffee. Könnte ich schon. Ich will aber nicht, dass jeder hier sieht, dass ich weisse Sternchen auf rotem Grund in der Nacht trage.
(Nein. Foto davon wird es nicht geben. )

Herzlich,
Lila

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Zeit-los

Die Tage vergehen zuweilen viel zu schnell.
Ich habe euch hier nicht vergessen, wie könnte ich….Es ist nur so, dass ich nächste Woche umziehe und einfach irgendwie zu nichts komme. Der Umzug ist ein wichtiger Schritt, hat viel mit loslassen zu tun: Sich von lieb gewonnenem trennen. Wegwerfen. Behalten. Oder doch nicht?
Woanders neu beginnen, mal wieder.

Die Tote von Saint-Loup verkauft sich besser als erwartet. (Ich hatte ehrlich gesagt, nichts erwartet, um nicht enttäuscht zu sein. „Ich habe dein Buch gekauft.“-„Ach. DU warst das?!“ Blöder Witz, nicht?)
Ich bin an der Planung des nächsten Buches, mache Recherche, wenn es die Zeit zu lässt, rede mit Leuten. Terminiere Interviews. Am meisten freue ich mich auf den Tag, an dem ich los schreiben kann.
Der Prozess des Schreibens ist ein kreativer: Ich platze beinahe innerlich, weil ich all die Impressionen nicht aus dem Kopf schütteln kann, die unbedingt niedergeschrieben werden wollen.

Brötchen verdienen sollte ich auch noch, ich kann nicht von den Äpfeln leben, die der Baum im Garten her gibt.
Also reicht die Zeit nie für alles, was ich will-muss-sollte-kann.
Wir sehen uns bald, hier. Sobald ich mich am neuen Ort etwas eingerichtet habe.
(Es hat dort einen Mirabellenbaum und einen Apfelbaum und noch so vieles, von dem ich nichts weiss.)

Passt auf euch auf, Herbstmenschen.
Herzlich,

Danielle

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Die Würde des Menschen

Eritrea
Syrien
Kosovo
Bosnien
Mazedonien
Kroatien
Türkei
Peru
Portugal
Spanien
England
Sri Lanka
Thailand
Indien
Deutschland
Ukraine
Estland
Belgien
Tibet
Marokko
Italien
USA

Was ich hier mache?
Nun, ich schreibe die Nationalitäten der Menschen auf, die in den letzten Jahren mit mir zusammen gearbeitet haben.
(Wir sind eine soziale Institution und erfüllen unseren Auftrag, Leute zu beschäftigen, ohne auf ihre Herkunft zu achten,)
Sie alle sind Menschen wie du und ich: Sie lieben ihre Kinder genau wie ich meine.
Uns unterscheidet nichts und wenn doch, dann sind es die nationalen Unterschiede ihres Landes und der Traditionen.
Spannend, wenn man sich neugierig und offen darauf einlässt.

Sie sind nicht besser als ich, aber auch nicht schlechter.

Und wenn sie auf der Flucht sind, dann brauchen sie unsere Unterstützung. Weil niemand freiwillig seine Heimat verlässt nur aus Spass.

Heute fragte ich eine Frau, woher sie kommt. „Aus Aarau.“ Erwiderte sie. Ich deutete an, dass mich die Herkunft interessiert. „Syrien.“ Sagte sie und ich wir kamen ins Gespräch. Eine Viertelstunde später lud sie mich zu sich nach Hause zum Essen ein.
„Selbstgekochtes Essen, wie Kurden essen. “
Ich freue mich schon auf den Abend und ich bin sicher, dass wir feststellen werden, dass uns ganz viel verbindet.
Weil wir in erster Linie Menschen sind. Nur das Land ist anders und niemand kann sich aussuchen, wo er geboren wird.

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Der Rabe und ich

Ich höre den Ruf des Raben über mir. Er sitzt in einem Baum, unsichtbar für mich. Sein Ruf ist tief und laut.
Hinter mir ist der Napf, ich bin auf dem Weg zurück nach Luthern, vor mir das Tal und rings um uns herum ist es still. Gerade so, als wäre alles erstarrt. Stehen geblieben wie in einem Film, der eine Störung hat.
Ich spüre die Beine, sie schmerzen von der Wanderung. Das T-Shirt klebt an meinem Rücken, der Rucksack verhindert die Luftzirkulation.

Ich frage ihn: Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen?
Der Rabe antwortet.
Ich sage: Zeig dich. Komm schon. Ich habe nie einen Raben in freier Wildbahn gesehen. Bitte.
Der Rabe hört zu. Eine Weile schweigt er, ich denke, er hat aufgehört sich mit mir zu unterhalten, dann ruft er erneut.
Dann fliegt er los, direkt über mir, dreht einen Kreis am Himmel. Einen perfekten Ring, wie mit einem Zirkel gezogen. Scharfe, schwarze Linie am blauen Nachmittagshimmel. Ich kann die Luft hören, die durch die Schwingen zieht.

Er setzt sich auf den nächsten Baum. Fängt an zu rufen.

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich alles über Rabenvögel las, das mir zwischen die Finger kam. Die Mythologie der Raben, den Lebensraum, die Sozialisation und die Gefährdung der Rasse, weil er als als angeblicher Schädling der Jagd und der Landwirtschaft über Jahrhunderte rücksichtslos verfolgt wurde.
In dieser Zeit wünschte ich mir, dass ich einen Raben sehen könnte. Einer hätte mir genügt. Aber in der Schweiz sind sie grösstenteils ausgestorben.

Jetzt sitzt einer über mir. Erzählt irgendwas. Ich antworte. Er hört zu. Erwidert etwas.
So geht das Spiel eine Weile hin und her. Ich spüre meine Beine nicht mehr, der Schweiss am Rücken und der schwere Rucksack wurde unwichtig. Alles was zählt, ist der Moment.
»Wenn ich wüsste, was du mir sagen willst.«
In dem Augenblick fliegt er los: Er schlägt ein paar Mal mit den Flügeln, segelt  ins Tal und verschwindet im Wald.

Mir kommt der Gedanke, dass mein Opa vielleicht doch nicht Recht hatte, als er sagte: »Du erreichst alles im Leben, wenn du genug daran glaubst.« So ist es nicht. An etwas haften hilft kaum. An den Wunsch glauben schon. Aber mit offenen Händen: Loslassen. Fertig. Dann klappt es. So lange ich darauf fixiert war, einen Raben zu sehen, gelang es mir nicht.
Jetzt, nachdem ich nicht mehr daran gedacht habe, kommt die Begegnung zustande.
Nicht, weil ich krampfhaft forderte, sondern weil ich es geschehen lies.

raben

pic by Julie Miller

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Lass los

Es regnet Holzsplitter. Sie legen sich auf meine Haare, das T-Shirt und die nackte Haut an meinen Armen. Ich bin übersät mit winzigen Holzteilen.
Der Himmel über mir ist so unglaublich blau, dass er fast kitschig ist. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass der Himmel an sich keine Farbe hat. Das Blau ist nur eine Spiegelung des Wassers: Unser Planet ist ein blauer.
Irgendwo bellt ein Hund, meiner ist es nicht. Er liegt aufmerksam unter der alten Holunder, geschützt durch ihr Blätterdach. Ab und zu raschelt es im Laub. Ein Spatz knabbert genüsslich an den beinahe reifen Beeren. Manchmal fällt eine Beere auf die Wiese oder das Fell des Hundes.

Ich drehe mich um, gehe die Treppe in den Keller hinunter, hole neues Material. Wenn ich es in die grosse Mulde vor dem Haus werfe, kraftvoll, wütend und mit Schwung, rieseln Holzsplitter auf meine Haare, die Haut und meine Schultern.
„Lass los. Entlaste dich von Gegenständen, die du nicht brauchen kannst. Wirf sie weg. Befreie dich!“ Sage ich zu  mir selbst.
Wir ziehen um. Es ist  mal wieder an der Zeit, das spüre ich. Die Nomadin will weiter, sie fürchtet in ihrem Leben nicht mehr, als Stillstand. Stagnation ist gleich wie tot.
Als ich die Kiste mit den Kinderzeichnungen finde, zögere ich. Das Bild mit den Pusteblumen meines Sohnes, er war zehn, als er es malte. (Steht hinten. Der Name und das Jahr. Sonst hätte ich das nicht mehr gewusst.) So sorgfältig gezeichnet, die winzigen Fallschirme der Blume. Hunderte sind es. Ich bin gerührt, setze mich auf den Boden und verliere mich in den Betrachtungen dieser Erinnerungen.
Das Aquarell meiner Tochter, die von allen drei Kindern am liebsten malte. Plötzlich, zwischen den Zeichnungen, das Klassenfoto des ältesten Sohnes. Ich erkenne ihn wieder. Hätte ihn aus tausenden heraus erkannt, auch wenn er jetzt ganz anders aussieht.

Die Sonne brennt auf meinen Kopf. Der blaue Himmel leuchtet. Ich sitze im Schneidersitz mit einem leeren Karton auf dem Parkplatz vor dem Haus. Neben mir eine Mulde, die randvoll gefüllt ist mit alten, zerdepperten Möbeln. Wenn jetzt jemand vorbei käme, würde sich diese Person fragen, warum Papierblätter um mich herum verstreut sind. Und warum ich weine.
Ich lege meine rechte Hand auf die pochende Stelle meines Herzens. Hier ist alles drin und da oben, im Kopf. Alles was zählt ist da drin.
Da kann nichts verloren gehen und wenn es vergessen geht, dann war es nicht mehr von Bedeutung.

„Lass los. Wirf alles weg. Nomaden tragen keinen Balast, wenn sie weiter ziehen.“

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