Broccoli und ich

Er ist mehr als halb so jung wie ich und beinahe doppelt so gross. Vermutlich gehört er zu jenen, die in der Pubertät in die Höhe geschossen sind wie ein Broccoli. (Ich weiss jetzt nicht, ob dieses Gewächs in die Höhe schiesst. Aber ich wollte unbedingt ein Wort mit zwei ‘c’ schreiben. Jetzt weisst du es.)

Broccoli und ich wurde einander zugeteilt heute Nachmittag, bei einem Ausflug. Die Lehrlinge und ihre Betreuer. Also liefen wir erstmal schweigend nebeneinander her. Er mit der obligaten Jeans, die in den Kniekehlen hängt und der Mütze auf dem Kopf. Wie lächeln einander nett an. Geht nicht anders, wir sind jetzt irgendwie verwandt. Ich, nicht mal eins siebzig gross, Parka, wetterfeste Schuhe und mit einem riesigen Schal um den Hals gewickelt. (Es könnte kalt werden. Blitzeis und Unwetter könnte überraschend nieder gehen. Ich wäre gerüstet.)

-Schön hier, nicht?
-Ja. Wirklich.

Wir haben einander nicht viel zu sagen. Ich sehe die Pickelnarben in seinem Gesicht, die Brille auf seiner Nase mit den dicken Gläsern.Cool ist er trotzdem, er gibt sich zumindest Mühe, so zu sein.
Wir beschliessen  zu schweigen und uns verbindet nur noch die Stille in dem Park mit den Wildtieren, die irgendwo auf der Wiese äsen. Das knacken noch Nusschalen unter den Füssen, das Rascheln von Laub.
Hinter dem Gehege ist eine Gruppe von alten Bäumen, ein kleiner Bach schlängelt sich um die Bäume. Das Gras rundherum ist von saftigem Grün. Ich will ihm das sagen, wie ich gerade diese Szene mag. Es erinnert mich an das Land der Hobbits.
Ich schweige. Broccoli würde das nicht verstehen.
Er sagt:
-Schau. Da unten! Wie schön sich der kleine Bach um die Bäume schlängelt, das Grün und die Wurzeln.
Ich erwidere nichts.
Dann sage ich:
-Ein bisschen wie bei den Hobbit.

-Ja. Ganz genau. Hobbitland!

Wir schauen uns an. Broccoli und ich. Das folgende Schweigen ist ein anderes.
Ein bisschen sind wir jetzt Freunde. Und schliesslich sind wir alle doch ein bisschen Broccoli, nicht?

Hier und dort

Ich war heute Nachmittag in der Stadt.
Die Stadt ist nicht meine, ich habe sie erst vor vier Jahren in mein Leben geschlossen, als ich von der anderen Stadt hierher zog. Ich war heute nicht alleine: Mein Wolf war mit dabei. Während wie gemässigten Schrittes durch das alte Städtchen schlenderten, wurde mir bewusst, wie unterschiedlich wir alles wahr nehmen.
Während er an jeder erdenkliche Ecke ausgiebig schnüffelte, nutzte ich die Pausen, um die Welt um mich herum mir visuell ein zu verleiben .Zu geniessen.
Die Sonne schien, ihr Licht strömte durch die herbstlichen Blätter der Platanen. Der Boden war übersät mit einem Teppich aus braunem Laub. Die Schritte erzeugen dabei dieses Geräusch, das wohlige Knistern von Blättern, die ihre Arbeit einen Sommer lang gemacht haben und sich nun gemächlich zur Ruhe legen können. Allen Menschen schien dieses gelbe Licht auf dem Haupt zu leuchten, gab ihnen diesen goldenen Schimmer auf der Haut.
Früher fragte ich mich oft, wie das ist mit den Farben, wenn man älter wird. Verblassen sie, weil die Netzhaut alt wird, weil sie die Informationen nicht mehr so wahrnehmen kann? Oder bleibt das gleich? Ich grübelte auch darüber nach, ob alle die gleichen Farben sehen, wie ich: Siehst du gelb, das gelb der Blätter, wenn ich sie gelb sehe?
Oder siehst du sie blau, grün oder lila?
Und dann, wenn es denn so wäre, wie würden wir uns verstehen ? Wenn du vom blauen Licht sprichst, das durch die Platanen leuchtet, während ich weiss, dass die Farbe eine andere ist?

In der anderen Stadt gab es keine Platanen. Dafür einen See und viele Touristen. Die andere und ich sind Schwestern. Wir kennen uns so lange, dass wir einander nichts vormachen müssen. Ich weiss wo sie hässlich ist, wo sie leidet und wo sie ihre Wut heraus schreit. Die andere Seite. Und sie weiss es von mir. Bei ihr fühle ich mich sicher, nackt und sicher.
In der anderen Schwester suche ich noch, entdecke und filtere das Licht aus den Blätter. Bin noch genauso schüchtern wie sie. Dafür sind wie beide neugierig aufeinander, unvoreingenommen und freundlich.

Der einen Stadt fehlt eindeutig der See. Der anderen die Platanen. Dennoch sind sie verwandt. Nur wissen sie es nicht.

Lozärn, i vermisse di.

Wortlos

Manchmal fehlen mir die Worte. Weil ich mich innerlich so aufrege. (Ich kann das gut. Das fühlt sich dann so an, wie Luft anhalten. Am Ende bin ich ein grosser Ballon, der gelegentlich platzt. )

Ich gehe jetzt Platzen. In den Garten. Da habe ich viel Platz dafür.
Vorher möchte ich euch Charlie Chaplin ans Herz legen.

Das Glück in der Milchschaumwolke

Da war diese Frau am Bahnhof heute. Sie sass draussen an einem dieser Bistrotische und rauchte eine Zigarette.
Vor ihr stand eine Tasse Kaffee, die ganz grosse. Sie war leer.
Sie machte einen etwas verwahrlosten Eindruck: Ihre Haare von dumpfer, tiefschwarzer Farbe. Dem grauen Ansatz nach zu urteilen, wäre eine neue Färbung längst fällig. Ihre nackten Füsse steckten in Ballerinas mit Leopardenprint. Sie trug mehrere Schichten Kleider übereinander. Schwarz und grau.

Sie war so damit beschäftigt, hektisch an ihrer Zigarette zu ziehen, dass ich sie eine Weile unbeschwert beobachten konnte. Darüber nachdenken, was ihre Ziele sind, was sie glücklich macht und was ihr passiert ist. Im Leben meine ich.
Neben ihr lag eine Tasche. Gefüllt mit Katzenfutter. Die billigen Büchsen, die es bei Aldi gibt.
Ihr Gesicht war von senkrechten Falten durchzogen, als hätte jemand auf der Landkarte wütend mit einem dunklen Stift ein paar Linien gemacht.

Nachdem sie ihre Zigarette ordentlich im Aschenbecher verdrückte, suchte sie den Löffel auf dem Tisch, den es zum Kaffee gab. Sie hob den Blick.Sah mich kurz uninteressiert an, ihr Blick glitt weiter über die eilende Menge der Fahrgäste. Schliesslich löffelte sie genussvoll den übriggebliebenen Schaum aus der Tasse, schob den Berg mit der weissen, fluffigen Wolke in den Mund. Schloss ihn. Leckte sich lächelnd die Lippen und förderte anschliessend wieder einen Löffel voll Schaum aus der Tasse.
Das ganze machte sie ein halbes Dutzend Mal. Verzückt. Genussvoll. Glücklich. Schliesslich schob sie die Tasse von sich weg. Liess sich im Stuhl entspannt nach hinten fallen und….  120e50595f1e31302fdf48b6c4f6df17

….zugegeben: Ich sehe nicht gut und ich trug meine Brille nicht, aber ich bin sicher, dass die dunklen Linien in ihrem Gesicht verschwanden. Wie ein Bild, das auf Photoshop bearbeitet wurde. Ihre Haare begannen zu leuchten. Ihre Kleider waren nichts anderes, als legerer Lagenlook und Menschen, die Katzen mögen, sind eh einfach schön.

So wie sie es in diesem Augenblick war. Glücklich schön.

PS. Meine Leser sind kluge Menschen. Das ist keine Vermutung. Sondern eine Tatsache.
Natürlich war die Tasse nicht leer… Da war noch Milchschaum darin, der sich am Boden und am Rand der Tasse gesammelt hat. (Zum Glück liest Monsieur Le Lektor nicht mit).
:)

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