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Leben und Tod

Da war dieser kleine Junge an der Strasse, der ebendiese an der Hand eines Polizisten überqueren wollte. Seine Schulkollegen und die Lehrerin standen ermutigend und in gebührendem Abstand hinter ihm.
Der Herr Polizist zeigt euch jetzt, wie man sicheren Fusses auf die andere Seite kommt.
Der Kleine, ein Winzling noch fast, trug eine Brille. Ein Auge war abgeklebt mit einem Pflaster. (Kenne ich, hatte ich als Kind auch mal. Die Welt ist eine eindimensionale und man macht sich damit zum Gespött. Ich habe es gehasst.)
Das gesunde Auge verlor sich in der Betrachtung am Himmel auf etwas, das wohl nur er sah.
Der Polizist nahm das wahr und stiess ihn sanft in die Realität zurück.

So gingen sie dann Hand in Hand, der Kleine und der Grosse, über die viel befahrene Strasse. Der Polizist muss ihm gesagt haben: Man bedankt sich, wenn die Autos anhalten und winkt mit der Hand.
Der Kleine begann zu winken. Er tat das mit der Fröhlichkeit, die kleine Kindern noch inne haben weil sie glauben, die Welt ist eine Gute. Er winkte nach links und nach rechts und nach hinten und nach vorne.
Dabei lächelte er, als hätte man ihm für diese Tat etwas versprochen.

Dieser Kleine da…ich hoffe, die Welt bleibt noch lange magisch und vielversprechend für ihn.**

Und da ist diese Frau, die mich gestern fragte: Heute ist Mittwoch, nicht wahr?
Ich nickte. Ja. Mittwoch.
Sie sagte: Am nächsten Mittwoch ist alles vorbei, dann bin ich tot.
Ich nickte wieder und hielt ihre Hand. Sie hat noch sieben Tage um zu leben, dann schliesst sich die Türe. Es ist ihre eigene Entscheidung, wohlüberlegt.
Sie erzählt mir ganz viel, für sie wichtige Dinge. Ich höre zu, während ihre Hand immer wieder aus meiner gleitet, weil sie damit in der Luft herum fuchtelt. Später wird sie meine Hand wieder nehmen. Ein kleiner Trost.
Sieben Tage. Jede Sekunde, jeder Nanomoment, der vorüber ist, kommt nicht zurück.
Jeder Schlag ihres Herzens bringt sie dem Tod näher. ***

Was sie von uns unterscheidet ist die Entscheidung, das Leben bewusst zu beenden.
Manchmal denke ich, viele von uns haben schon lange aufgehört zu leben, weil sie vergessen haben, wie viele Möglichkeiten das Leben für sie bereit hält.
(Ich meine hier nicht die Menschen, die eine unheilbare Krankheit haben.)
Und auch für uns ist es so, dass jeder Atemzug der letzte sein könnte.
Vielleicht sollten wir öfters den Himmel nach Wolkenbildern absuchen und fröhlich durch die Gegend winken. Wie der kleine Junge mit einem abgeklebten Auge.

 

**Auch eine Eigenheit der Schweizer: Hier ist es per Gesetzt Pflicht, am Fussgängerstreifen zu halten, wenn Menschen die Absicht haben, diesen zu überqueren.

***Sterbehilfe. In der Schweiz ist das möglich, in den meisten anderen Ländern ist es verboten.

“We’ll walk this road together, through the storm. Whatever weather, cold or warm”. Not everything needs to be done alone, sharing your support to someone can help make their day.“

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Ayubowan

Das ist Singhalesisch und bedeutet : Ich wünsche dir ein langes Leben.

Ich war lange weg und ich kann nicht mit ein paar Sätzen zusammenfassen, was ich in dieser Zeit getrieben habe. Drei Jahre? Mir kommt es viel länger vor. Ich habe diese Pause gebraucht und genutzt, schliesslich blogge ich seit….Hmmm…2004 ?
Seit langer langer Zeit.
Damals galt man als Bloggerin noch als schräger Vogel, als Exzentriker. Man beäugte uns vorsichtig kritisch.
„Was ist das? Eine Art Tagebuch? Das kann dann jeder lesen…Wie schrecklich!“

Wir trafen uns gelegentlich in Zürich, so ein Dutzend Blogger, eine kleine Gemeinschaft, verschworen und mit dem starken WIR Gefühl, das Menschen haben, wenn sie wenige sind. Die meisten von damals schreiben nicht mehr, sie haben den Zug verlassen, als es ein Hype wurde.
Diese Menschen, gerade diese, sind heute enge Freunde und wir sind noch immer verbunden.

Ich schrieb und schrieb und schrieb. Irgendwann kam WordPress und die Leute wurden mehr.
Aus dem kleinen Tante Emma Laden wurde ein unübersichtlicher Supermarkt der geschriebenen Angebote.
Schliesslich verlegte ich mein Buch und ich war so damit beschäftigt, dass ich neben der Arbeit noch Texte korrigierte, löschte, neu schrieb und passend für die Herausgabe konvertierte. Ich hasste es!
Nicht den kreativen Prozess, sondern das Administrative dahinter: Ich wollte immer nur schreiben, aber nicht ein Dealer meines Projektes sein, Marketing betreiben. Das war und ist nicht  meins.

Ich fühlte mich übersättigt: Auch wenn man Tiramisu gerne isst, erträgt man davon nur eine gewisse Menge. Sonst wird einem schlecht. Nicht wahr?
Ich drehte mich um, schloss den Blog und ging.

Im wahrsten Sinn des Wortes, ich ging und entdeckte andere Welten, andere Kontinente, andere Menschen. Ich habe hinter Mauern geschaut, hinter Meere, hinter die Fassade der Menschen. Statt zu schreiben, habe ich fotografiert.
Es war eine Art des Fortgehens und verändert zurück zu kommen. Reisen ist Magie.
Denn ich begegnete unterwegs mir selbst.

Jetzt fragen sich die einen oder anderen: Ja. Ist ja alles schön. Und warum bist du wieder hier?

Schreiben ist und war immer ein Teil von mir.
Die alten Schuhe passen nicht mehr, die habe ich weg geworfen. Aber die neuen sind auch ganz schön und sie fühlen sich gut an, sehr gut.

Dieser Blog heisst 1002 Geschichten . Ich bin jetzt bei 977 Storys, die ich veröffentlicht habe. Euch stehen noch 25 Geschichten zu.
Was danach ist…Saya tidak tahu. Wer weiss das schon 😉42912140_10216729637064413_715108949522644992_n

 

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Ich bin wieder da…

Und ich habe ganz viele Geschichten gesammelt, als ich weg war.

Zuerst fege ich den Staub weg, kehre den Boden und räume auf. Dann werden die Fenster aufgerissen. Hier muss ordentlich gelüftet werden.

Ich freue mich auf euch.

Herzlich und zerzaust (wie stets),

Lila

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Dankeschön

Samstagabend in Zürich. Die Vorstellung ist zu Ende, die Leute strömen geballt dem Ausgang zu. Die Raucher wolle endlich an die frische Luft, die anderen nichts wie in die nächste Bar oder heim.
Ihre Mäntel und Jacken haben sie an der Garderobe abgegeben. Das macht man so.
Es ist kurz vor Weihnachten: Kitschige Lüster verbreiten eine milde Atmosphäre, weisse Kerzen auf goldenen Tellern. Viel roter Samt, noch mehr roter Teppich. Letzteres schluckt die Geräusche der Highheels: Kein typisches Klickklack, eher ein gedämpftes wooof. Wie samtene Pfoten auf nassem Gras.

Ein Tumult am Tresen, wo die Jacken  wieder heraus gegeben werden: Man hält die Nummer, geprägt auf einer silbernen Scheibe, einem Garderobiere hin und erhält den Mantel wieder zurück. Es wird gedrängelt, gestossen.
Die ganz eiligen quetschen sich seitwärts an den Wartenden vorbei, ernten böse Blicke. Andere stehen ruhig da, warten, bis sie an der Reihe sind. Diese werden immer wieder überholt, links und rechts und auf beiden Seiten gleichzeitig. Während die jungen Männer, das sind die Garderobieren nämlich, in raschem Tempo hin und her huschen, Jacken heraus geben, sich den Schweiss abwischen. Den Blick zur nächsten Nummer, rasch zum entsprechenden Bügel…Schnell muss es gehen.

Als ich an die Reihe komme, dauert es fünf Sekunden bis er mir das aushändigt, was mir zusteht. Bevor er sich jemand anderem zuwendet, lächle ich ihn an und sage hörbar: „Dankeschön.“

Ich glaube daran, dass die Welt eine bessere wäre, wenn wir öfters Danke sagen und das wertschätzen, was die Menschen tun. Egal was sie tun. Weil alles eine besondere Bedeutung hat, weil alles zusammenhängt.

Er erstarrt einen Augenblick, hebt den Kopf und schaut mir direkt in die Augen, lächelt zurück. „Bitte. Gerne“, erwidert er mit einem französischen Akzent. Für eine kurze Weile existiert nichts weiter, als dieses Einverständnis zwischen zwei Menschen, die sich nie mehr wieder sehen. Und das geteilte Lächeln.

 

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Landstreicher

Ich bin in einem Tal in der Schweiz aufgewachsen, das von Bergen umgeben ist: Wie die Zacken einer Krone. Unten sind die Menschen, ringsherum die Berge. Die ganz hohen, die beinahe 2000 Meter erreichen, tragen Mützen aus Schnee bis Ende Juni.
Diese Gegend gebar auch besondere Menschen mit einem Dialekt, über den zuweilen in anderen Kantonen gelächelt wird. Man erkennt sie, sobald sie reden. Als ich mit achtzehn das Tal verliess und in die Stadt zog, war dieser Dialekt das erste, was ich mir entledigte. Wie einen alten Mantel, zu schäbig geworden für die Urbanität.
(Tatsache war, dass ich das Lachen der Leute um mich herum nicht ertrug. Also legte ich diese Mundart weg und band mir eine gefälligere Sprache um.)

Auf meinem Weg zur Schule, begegnete ich öfters Beda. Er war damals schon alt, bärtig,  sauber gekleidet, wenn auch von einfacher Art, und trug meistens eine Staffelei unter dem Arm. Man kannte ihn, jeder wusste, wer er war. Man sagte, dass er in Scheunen schlief, selten sprach und davon lebte, dass er seine Bilder verkaufte.
Er beeindruckte mich in einer Welt der Konformität, in der ein rebellisches Herz oft keinen Platz fand. Beda war der erste Clochard, den ich kannte. (Wobei ich damals noch kein Wort für diese Lebensform hatte. Landstreicher sagte man. Beda strich auch herum und Leinwände an.)
Für mich war dieser Freigeist oft Quelle vieler Geschichten und Gedanken, die ich mir machte. Wo schläft er? Hat er Eltern? Ist er nicht zur Schule gegangen? Warum ist er so?

Die Antworten gab ich mir selber, indem ich um ihn herum Geschichten erfand. Alles war möglich, weil meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt wurde. Schon gar nicht von Beda selbst, da wir Kinder ihm ein bisschen aus dem Weg gingen: Er blieb fremd, in seiner selbstbestimmten Lebensart. Dafür gewann er dadurch für mich an Mystik und einer gewissen Faszination.

Irgendwann war er weg, aus dem Dorfbild verschwunden. Oder meine Augen, inzwischen pubertär und eher daran interessiert, wie ich dieses winzige Tal gegen die grosse Welt tauschen kann, blind für ihn.
Vergessen habe ich ihn nie.
Und jetzt, da ich ein neues Buchprojekt begonnen habe, darf er darin eine Rolle spielen. Eine kleine zwar, aber dennoch eine, die prägend ist und den Charakter des Tales besser beschreibt, als manches andere.

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Lippenstift und Kuhfladen

Sie geht in den Park und setzt sich auf eine Bank. Lässt die Menschen an sich vorbei ziehen, als wäre sie kein Teil dieser Masse. Sie schweigt, weil Alleine sein zuweilen ein Luxus ist.

Oder sie geht in ein Café. Sie hat kein Rendez-vous und mit niemandem abgemacht. Vielleicht möchte sie einfach den Mann neben ihr sehen, dessen Haar so schütter ist wie die Falten zahlreich in dem bleichen Gesicht. Die Bedienung, Pferdeschwanz, schwarze Jeans und ein üppiger, sehr rot geschminkter Mund, bringt den Kaffee: Schwarz. Sie mag den Milchschaum nicht, der modern oben wie eine Wolke thront.buch
Die ältere Dame füttert die Hälfte ihres Kuchens an einen kleinen, dicken Hund. Er sitzt unter dem Tisch, sein Bauch hängt auf ihre roten Ballerinas.
Braucht sie einen Grund, um hier zu sitzen? Vielleicht. Also gräbt sie in ihrer Tasche, sehr gross und voller Dinge, die sie nicht braucht, und fördert ein Buch zu Tage. Ein belangloser Titel, nichtssagendes Cover. Sie kann so tun, als würde sie darin lesen und über dem Rand die Leute beobachten.

Sie sind aufs Land gezogen, der Kinder wegen. Die brauchen frische Luft und die Möglichkeit, auf Bäume klettern zu können. Ist es nicht so?
Bisher kannte sie nur die Melodie der Stadt: Hupende Autos, die Bahn, das Rumpeln des Müllwagens, frühmorgens. Grüne Wiesen und Berge mochte sie am Liebsten in Dokus am TV oder auf Gemälden in einer der Ausstellungen. Als er ihr das Haus zeigte, in dem er ihr die zwei geplanten Kinder machen wollte, rutschte sie mit ihren Schuhen auf der Wiese aus.
(Ihre erste Anschaffung sollten Regenstiefel sein mit einer dicken Sohle. Sie pfiff auf Stil und kaufte sie im Laden für Landwirtschaftsbedarf.)
Sie hat sich daran gewöhnt, an die Luft, die Stille um sie herum und hat sich angewöhnt, wann immer es geht, in die Stadt zu fahren.

Dann setzt sie sich auf eine Parkbank oder in ein Café und tut so, als würde sie lesen. Sie inhaliert das pulsierende Leben, den Lärm der Autos, die Frauen mit roten Lippen, so rot, als würden sie ausbluten.
Nach zwei Stunden und drei Kaffees, schwarz wie die Nacht, zittert sie ein bisschen, wenn sie ihre Tasche nimmt und durch die Glastür geht. (Zuviel Koffein macht sie immer nervös.) Wenn sie bei ihrem Auto angelangt ist, gräbt sie das erste Mal seit Mittag das Handy aus der Tasche. Sie liest die Nachrichten mit zusammengekniffenen Lippen. „War bei der Kosmetikerin, fahre jetzt heim.“ Schreibt sie zurück, richtet sich die Haare im Rückspiegel und startet den Motor.

Vielleicht sollte sie sich auch mal wieder einen knallroten Lippenstift kaufen. Sie würde das nächste Mal die Bedienung im Café fragen, welches rot sie trägt.

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N.e.i.d.

Ne̱i̱d Substantiv [der]
Das schlechte Gefühl, das man hat, wenn andere etwas haben, das man selbst gerne hätte, aber nicht hat.

Neid hat viele Gesichter: Es können Freunde sein, die sich abwenden oder sich auf Facebook von dir stumm verabschieden. Die über dich lästern und dich schlecht machen, weil du irgendwas hast, was sie auch haben möchten. Sie denken, es steht dir nicht zu. Aber Ihnen, sie hätten es verdient, du nicht.

Beispielsweise ein Buch, das du veröffentlicht hast: Sie sehen die Arbeit nicht, das stundenlange sitzen an der Geschichte, die Korrekturen, die Gespräche mit Leuten im Rahmen der Recherche. Abends, nach Feierabend bis tief in die Nacht.
Ihnen würde ich gerne sagen, sofern sie mir überhaupt zuhören würden: „Mach mal. Schreib. Setz dich hin und schreib deine Geschichte. Ich bin nichts Besonderes. Im Gegenteil: Schau dir mal die Listen der erfolgreichen Bücher an. DAS sind Autoren. Ach sooo. Die Tantiemen? Die sind lächerlich gering. Für jedes verkaufte  Buch kann ich einen Kaffee bezahlen. Nicht bei Starbucks, da braucht es drei verkaufte Bücher. Also mach. Schreib dein eigenes Buch.“

Irgendwo habe ich mal ein Sprichwort gelesen: Die Kerze des anderen ausblasen, lässt deine eigene nicht heller leuchten.

In Frankreich kennt man das Wort Neid in diesem Sinn nicht. Envie bedeutet Lust. Die Begierde nach etwas. Das kann ein Stück Kuchen sein, die Frau des Nachbarn oder eine Reise nach Timbuktu. En vie. Am Leben sein.

Mir gefällt die französische Definition viel besser.

Herzlich,

Lila

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